Hunger auf alles und nichts

Barbara von Strauch

Hunger auf 
alles und nichts
Geschichten und Gedichte






100 Seiten 
9,90 Euro
© Klaus Bielefeld Verlag, Friedland 2002 
ISBN 3-89833-101-6 
Umschlaggestaltung: Rainer Schorm

Wer weiß schon, was der andere denkt – was ihn
glücklich macht oder zur Verzweiflung bringt – warum
er dieses tut oder jenes?
So manches darüber steht in diesem Buch

Die Angst

Als es dunkel war, holten sie ihn ab. Er folgte ihnen über die Brücke, die über das Wasser führt, und obgleich er hinter ihnen herging, wußte er, sie waren nicht seine Freunde.
Der erste blieb stehen, drehte sich um und sagte:
»Unsere Geduld ist zu Ende.«
»Du bist taub«, sagte der zweite, »du verstehst nichts.«
Der dritte schaute schon nicht mehr hin, sondern redete über die Schulter: »Deine Hände zittern.«
Die Nacht war dunkler als die anderen Nächte. Er wußte nicht, wohin sie gingen noch was sie vorhatten.
Er lehnte an der Wand und lauschte auf den Glasschneider, der auf einer Fensterscheibe knirschte. So wie sie es befohlen hatten, beobachtete er die Straße.
Das Knirschen des Glasschneiders bricht ab. Er bleibt allein zurück.
Ein Mann kommt näher. Größer sieht er den Körper des Fremden, näher, größer und deutlicher. Nun erkennt er das Blitzen von Gürtel und Stiefel, den matten Ton der Uniform. Da fühlt er das Messer in seiner Hand. Einer von denen hatte es ihm gegeben. Er senkt den Kopf, die Haare fallen in sein Gesicht und decken ihn zu. Durch die Strähnen hindurch sieht er die glänzenden Stiefel. Er kann nicht mehr fort. Die Stimme des Polizisten ist tief, die Worte fremd, dahin fliegend, nirgends.
»Nichts«, sagt er, »nichts. Ich stehe nur so herum. Niemand ist da.«
Dann springt er vor. Leicht durchschneidet die Klinge den Stoff und die Haut des Fremden, an der Schulter, am Arm. Der schwere Körper taumelt zur Seite und gibt den Weg frei. Das Messer fällt auf die Steine, er jagt davon. Der Pfiff der Polizeipfeife bleibt hinter ihm. An Häuserwänden und Fenstern flieht er vorbei, und die Nachtluft trifft sein Gesicht. Naß steht die Hitze auf seiner Haut, als er über die Brücke läuft. Gleich danach ertönt ein Signal, ein Wagen fährt heran. Der Scheinwerfer trifft die Hauswand neben ihm. Über eine kleine Mauer gleitet er herab. Grau ist die Wand. Grau wie seine Jacke. Hier ist es dunkel und ruhig. Hier, hinter den spärlichen Sträuchern, liegt er auf der Erde, schmal und vogelfrei. Stimmen kommen näher, auch Schritte. Hier kann er nicht bleiben.
Seine Feinde sind bereits da.
»Halt!« rufen sie.
Seine Feinde sind stark.
Nur eine Rasenfläche muß er überspringen. Die Stufen zum Keller eilt er hinab. Die Tür ist offen. Er schlüpft hindurch und zieht sie hinter sich zu. Matt leuchtet die Kalkwand des Flures. Jetzt kann er sich anlehnen, jetzt verschließt der Atem seinen Hals.
Weiter, durch den Flur die Treppe hinauf. Einige Schritte noch, aber die Haustür ist verschlossen.
Verflucht! Er wendet sich zurück. Wer im Kreise gejagt wird, ist schnell verloren.
Er klingelt an der Wohnungstür, die Glocke schrillt laut. Lange muß er warten und hat doch so wenig Zeit.
Dann öffnet eine Frau, die er kennt.
»Guten Abend«, sagt sie, denn sie weiß noch nichts von ihm. Sie greift sich ins Haar, in dem sie schon gekämmt hat für die Nacht, auch Lockenwickler hängen bereits in den Strähnen.
»Ach«, sagt sie, »wie gut, daß du kommst. Deine Mutter wollte mich besuchen, zusammen mit dir, so hat sie gesagt.
Mein Sohn Erich ist dir ähnlich, sagt sie, und Erich freut sich schon.«
Sie irrt, er ist nicht wie Erich. Er wirft sich gegen sie und drückt sie an die Wand, er läuft durch das Zimmer und springt aus dem Fenster. Wieder steht er auf der Straße, hell unter Laternen, wieder unter freiem Himmel, wieder gejagt.
Rechts, in der Mitte der Straße, stehen zwei Polizeiwagen. Er läuft nach links, der Brücke entgegen. Die Böschung ist nicht steil, aber das Wasser ist kalt. Nie hat er eine Strömung gesehen, aber unter der dunklen Oberfläche ist sie da. Sie drückt das schwarze Wasser gegen seinen Leib, so kalt, so kraftlos schwimmt er ans andere Ufer. Ein Polizeiauto ist langsam zurück gefahren und steht jetzt nahe der Brücke auf der anderen Seite des Flusses. Ein kleiner Seitenweg führt zur Stadt. Während er die Böschung hinaufklettert, fließt die triefende Nässe aus seinen Kleidern. Schatten fliehen über die Böschung, und vor ihm verwirrt sich der Weg.
Da erscheint das Tier. Es hat die unklaren Formen einer Kröte, aber es ist groß. Seine Bewegungen sind lebendig, zitternd und richtungslos. Erschreckt bleibt er stehen. Das Geschöpf legt sich platt auf den Boden, genau auf seinen Weg. Nun erscheint es ihm lang und gräßlich. Es kriecht auf ihn zu und schnappt nach seinen Beinen.
»Hallo«, sagt er, »jetzt erkenne ich dich, du bist meine Gefährtin, die Angst.«
Er dreht sich um und geht langsam über die Brücke zurück. Viele Männer suchen ihn, darüber muß er lachen. Der Scheinwerfer des Wagens ist hell, so blendend hell. Da bleibt er stehen, mit geschlossenen Augen und ohne sich zu bewegen.