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Barbara von Strauch
Hunger auf |
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Wer weiß schon, was
der andere denkt – was ihn
glücklich macht oder
zur Verzweiflung bringt – warum
er dieses tut oder jenes?
So manches darüber
steht in diesem Buch
Die Angst
Als es dunkel
war, holten sie ihn ab. Er folgte ihnen über die Brücke, die
über das Wasser führt, und obgleich er hinter ihnen herging,
wußte er, sie waren nicht seine Freunde.
Der erste
blieb stehen, drehte sich um und sagte:
»Unsere
Geduld ist zu Ende.«
»Du
bist taub«, sagte der zweite, »du verstehst nichts.«
Der dritte
schaute schon nicht mehr hin, sondern redete über die Schulter: »Deine
Hände zittern.«
Die Nacht
war dunkler als die anderen Nächte. Er wußte nicht, wohin sie
gingen noch was sie vorhatten.
Er lehnte
an der Wand und lauschte auf den Glasschneider, der auf einer Fensterscheibe
knirschte. So wie sie es befohlen hatten, beobachtete er die Straße.
Das Knirschen
des Glasschneiders bricht ab. Er bleibt allein zurück.
Ein Mann kommt
näher. Größer sieht er den Körper des Fremden, näher,
größer und deutlicher. Nun erkennt er das Blitzen von Gürtel
und Stiefel, den matten Ton der Uniform. Da fühlt er das Messer in
seiner Hand. Einer von denen hatte es ihm gegeben. Er senkt den Kopf, die
Haare fallen in sein Gesicht und decken ihn zu. Durch die Strähnen
hindurch sieht er die glänzenden Stiefel. Er kann nicht mehr fort.
Die Stimme des Polizisten ist tief, die Worte fremd, dahin fliegend, nirgends.
»Nichts«,
sagt er, »nichts. Ich stehe nur so herum. Niemand ist da.«
Dann springt
er vor. Leicht durchschneidet die Klinge den Stoff und die Haut des Fremden,
an der Schulter, am Arm. Der schwere Körper taumelt zur Seite und
gibt den Weg frei. Das Messer fällt auf die Steine, er jagt davon.
Der Pfiff der Polizeipfeife bleibt hinter ihm. An Häuserwänden
und Fenstern flieht er vorbei, und die Nachtluft trifft sein Gesicht. Naß
steht die Hitze auf seiner Haut, als er über die Brücke läuft.
Gleich danach ertönt ein Signal, ein Wagen fährt heran. Der Scheinwerfer
trifft die Hauswand neben ihm. Über eine kleine Mauer gleitet er herab.
Grau ist die Wand. Grau wie seine Jacke. Hier ist es dunkel und ruhig.
Hier, hinter den spärlichen Sträuchern, liegt er auf der Erde,
schmal und vogelfrei. Stimmen kommen näher, auch Schritte. Hier kann
er nicht bleiben.
Seine Feinde
sind bereits da.
»Halt!«
rufen sie.
Seine Feinde
sind stark.
Nur eine Rasenfläche
muß er überspringen. Die Stufen zum Keller eilt er hinab. Die
Tür ist offen. Er schlüpft hindurch und zieht sie hinter sich
zu. Matt leuchtet die Kalkwand des Flures. Jetzt kann er sich anlehnen,
jetzt verschließt der Atem seinen Hals.
Weiter, durch
den Flur die Treppe hinauf. Einige Schritte noch, aber die Haustür
ist verschlossen.
Verflucht!
Er wendet sich zurück. Wer im Kreise gejagt wird, ist schnell verloren.
Er klingelt
an der Wohnungstür, die Glocke schrillt laut. Lange muß er warten
und hat doch so wenig Zeit.
Dann öffnet
eine Frau, die er kennt.
»Guten
Abend«, sagt sie, denn sie weiß noch nichts von ihm. Sie greift
sich ins Haar, in dem sie schon gekämmt hat für die Nacht, auch
Lockenwickler hängen bereits in den Strähnen.
»Ach«,
sagt sie, »wie gut, daß du kommst. Deine Mutter wollte mich
besuchen, zusammen mit dir, so hat sie gesagt.
Mein Sohn
Erich ist dir ähnlich, sagt sie, und Erich freut sich schon.«
Sie irrt,
er ist nicht wie Erich. Er wirft sich gegen sie und drückt sie an
die Wand, er läuft durch das Zimmer und springt aus dem Fenster. Wieder
steht er auf der Straße, hell unter Laternen, wieder unter freiem
Himmel, wieder gejagt.
Rechts, in
der Mitte der Straße, stehen zwei Polizeiwagen. Er läuft nach
links, der Brücke entgegen. Die Böschung ist nicht steil, aber
das Wasser ist kalt. Nie hat er eine Strömung gesehen, aber unter
der dunklen Oberfläche ist sie da. Sie drückt das schwarze Wasser
gegen seinen Leib, so kalt, so kraftlos schwimmt er ans andere Ufer. Ein
Polizeiauto ist langsam zurück gefahren und steht jetzt nahe der Brücke
auf der anderen Seite des Flusses. Ein kleiner Seitenweg führt zur
Stadt. Während er die Böschung hinaufklettert, fließt die
triefende Nässe aus seinen Kleidern. Schatten fliehen über die
Böschung, und vor ihm verwirrt sich der Weg.
Da erscheint
das Tier. Es hat die unklaren Formen einer Kröte, aber es ist groß.
Seine Bewegungen sind lebendig, zitternd und richtungslos. Erschreckt bleibt
er stehen. Das Geschöpf legt sich platt auf den Boden, genau auf seinen
Weg. Nun erscheint es ihm lang und gräßlich. Es kriecht auf
ihn zu und schnappt nach seinen Beinen.
»Hallo«,
sagt er, »jetzt erkenne ich dich, du bist meine Gefährtin, die
Angst.«
Er dreht sich
um und geht langsam über die Brücke zurück. Viele Männer
suchen ihn, darüber muß er lachen. Der Scheinwerfer des Wagens
ist hell, so blendend hell. Da bleibt er stehen, mit geschlossenen Augen
und ohne sich zu bewegen.