Das Jahr des Autors

 
Martin Stockburger

Das Jahr des Autors

94 Seiten
9,90 Euro

© Klaus Bielefeld Verlag, Friedland 2003
ISBN 3-89833-114-8 
Illustration: Claudia Möhrle
 
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Klappentext
»Das Jahr des Autors« ist ein autobiographischer Tagebuchroman des Konstanzer Schriftstellers Martin Stockburger über das Jahr 2000.
Es ist die subjektive Auseinandersetzung des Autors in fast täglichen Notizen mit sich und seiner Umwelt (Arbeit, Bekannte, Literaturbetrieb, Fernsehen, Lektüre usw.) und ergibt ein intensives, teils nachdenkliches, teils witziges Zeitbild der Gegenwart.
Leseprobe
Habe das Buch Über den Tod und das Leben danach von Elisabeth Kübler-Ross zu Ende gelesen. Was halte ich davon? Weiß nicht. Eigentlich interessiert mich das gar nicht so. War an der Uni. Las im Bus die Aphorismen von Ben. Die Zeitungen gelesen über die Litera-Tour. Das Interview in der ZEIT mit Philip Roth. Sonst nicht viel Besonderes. Einer rief an. Will mich besuchen. Wohnt in Klettgau. Ist aus Syrien.

In der Nacht kam noch eine gute Verfilmung von Othello. Eine wirklich grausame, aber auch faszinierende Zeit. Las in der Stadtbibliothek den Artikel von Dieter Kief über die Buchvorstellung von Kinders Himmelhohem Krähengeschrei. Ich wollte eigentlich hin, habe es aber doch nicht geschafft. Er las auch Texte, die nicht in das Buch eingingen. Im Radio über Haslinger. War bei Claudia.

Heute ist Mittwoch. Was bringt es, wenn ich sage, was ich tat? Wen interessiert das? Wer liest das? Ach was. Ich habe begonnen, also muss ich weitermachen. Ich fühle mich so leer. Es fehlt mir die Zeit. Bin ich träge geworden? Ich stehe unter einem Zwang. Heute nichts Besonderes. Im Radio interessante Diskussion über Kleinverlage. Einer vom Verlag ‘Das Wunderhorn’ und einer von der DVA. Habe an beide meine Reisegeschichte geschickt. Beide haben sie abgelehnt. Was interessiert das? Denke positiv.

Heute las ich eine Erzählung von Ulrike Längle. Ich arbeitete einiges. Im Radio kam eine Besprechung eines Romans von Paul Morand. Ich las in Henry Millers Wendekreis des Krebses. Wenn ich gearbeitet habe, fühle ich mich erschöpft. Beim Einkaufen traute ich mich nicht, Cornelia anzusprechen. Ich wollte sie fragen, ob sie die Telefonnummer von Joe weiß. Ich ging wieder. Claudia war da.

Arbeitete heute einiges. Kochte. War in der Stadtbücherei. Las die Rezension des neuen Buches von Benjamin von Stuckrad-Barre und die Filmbesprechung von Onegin. Im Radio las Michael Schulte. Nun ist mein Urlaub bald vorbei. Was habe ich erreicht? Las in Robert Walsers Jakob von Gunten. Gefällt mir immer noch sehr. Man kann wahrscheinlich aus diesem Buch die Krise Robert Walsers herauslesen. Im SÜDKURIER Kief über Sarajlic und Ira Cohen.

War bei der Lesung in Oberdorf. Salomon, Kelter, Gahse und Kinder lasen. War kalt. Ging gleich wieder. Las Hesse im Bus. Morgen muss ich wieder zur Arbeit. Heute hat meine Mutter Geburtstag. Rief an. Gestern wieder lange ferngesehen. Kam gute Musik. Supergirl ist von Reamonn. Dieses Join Me finde ich auch nicht schlecht. Wie heißt die Frau, die I Will Love Again singt? Ist es Lara Fabian? Claudia war heute da. Lag am Nachmittag im Bett. Die Sonne schien. Fühle mich ein wenig angespannt. Empfinde dieses Tagebuchschreiben ein wenig als Zwang. Wäre gern frei von allen Verpflichtungen. Müsste hier einmal richtig aufräumen.

Rezensionen
Ich lese. Ich schreibe – also bin ich.
Stockende Formulierungen, Fragen über Fragen, hinter denen die zermürbende Frage nach dem Sinn lauert: Martin Stockburger hat sein drittes Buch vorgelegt, einen Roman in Tagebuchform. Beim Lesen schaut man durch ein Schlüsselloch, das nur für wenige Sekunden am Tag geöffnet ist, in den Alltag des Autors und erhascht minimale Einblicke – schon wird der Schlüssel wieder von innen in die senkrechte Position bewegt und es wird sofort wieder dunkel. In der beunruhigenden Finsternis drängen uns die nicht-erzählten Geschichten entgegen, Geschichten, die es nicht zu geben scheint, und die daraus folgende Langeweile, die danach schreit, dass irgendetwas passieren muss.
In der haltlosen Innenwelt des Ich-Erzählers wird die Suche nach einem sicheren Ort nicht angetreten. Im Ringkampf mit sich selbst bleibt der Autor ein Bündel aus sich widerstrebenden Affinitäten, die in ihrer Summe Null ergeben – den Stillstand. Stockburgers Roman „Das Jahr des Autors“ ist radikal provokativ. Es reizt dazu, den Protagonisten aus seinem Dämmer wachzurütteln. Doch verändern will sich der Ich-Erzähler gerade nicht, er möchte lieber weiterhin bekennender Vielleser bleiben, als mit dem Leben in Berührung zu kommen. Und genau hierin liegt die Herausforderung an den Leser: Den Protagonisten zu nehmen, wie er ist. Nach der Bewältigung dieser hohen Anforderung mag man das selbstironische Lachen hinter diesem Buch hören können, das durch dessen spröde Tragik hindurchsickert.
Es gibt Texte, die den Leser in ihr Geschehen hineinziehen, in eine Stimmung, eine Handlung etc. Anders verhält es sich bei dem Tagebuchroman „Das Jahr des Autors“:
Martin Stockburger gelingt es meisterhaft, seine LeserInnen zwischen den Zeilen hinaus- und immer wieder auf ihr eigenes Leben zurückzuwerfen.

Angela Kreuz