Carmen im Kopfhörer
130 Seiten
9,90 Euro
© Klaus
Bielefeld Verlag, Friedland 2003
ISBN 3-89833-112-1
Umschlagillustration: Rainer Schorm
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Pressestimmen
Letzte Männer-Fragen
Jochen Sommers humorvoller Roman über die Ehe
Ein unterhaltsames Buch für Frauen. Für Männer. Für
Eheleute, die wissen, was eine schlichtes »Ja« auf dem Standesamt
für fatale Auswirkungen haben kann. Und folglich auch empfehlenswert
allen Junggesellinnen und Junggesellen, die davon noch nichts wissen. Der
leicht verspielt klingende Titel "Carmen im Kopfhörer" führt
in die Irre. Denn für Rainer geht es um ernste, große Fragen
des Männerlebens: "In zwölf Minuten musste er das Haus verlassen,
in seinen Wagen steigen und zur Arbeit fahren. Dort erwartete ihn die tägliche
Routine, am Nachmittag Beate. Bis zum nächsten Morgen. Dann wieder
die Arbeit, jahrelang, bis zur Pensionierung. Dann nur noch Beate. Mein
Gott, dachte Rainer erschrocken, dann nur noch Beate. So ungeschminkt hatte
er sich das bisher nie überlegt."
Autor Jochen Sommer gibt Rainer fünf Kapitel Zeit, um zu tun,
was ein Mann tun muss. Das ist nicht frei von Klischees. Aufrichtige Männer
werden aber zugestehen, dass einer wie Rainer in uns allen steckt – mal
mehr, mal weniger. Frauen wissen das sowieso. Wie Rainer Pläne schmiedet,
raffinierte selbstverständlich, kläglich scheiternde selbstredend,
dass erzählt Jochen Sommer mit sehr trockenem Humor, Vergnügen
an leichter Groteske und viel Distanz zu seiner Hauptfigur, die er munter
wurschteln lässt zu unserem großen Genuss. Nun ist das aber
kein Buch über Männer. Denn schließlich darf Beate eine
Woche Urlaub in Spanien machen, um sich zu erholen von den Eskapaden ihres
Gatten. Und Beate findet dort wie selbstverständlich etwas sehr Schönes.
Am Ende. . . ach nein, das darf ja nicht verraten werden. Nur soviel: Es
hat was Tröstliches, dieses Finale. Ganz besonders für Junggesellinnen
und -gesellen. (wer)
Neue Westfälische v. 20.9.03
Frauenpower macht Männer sauer
Von Susanne Eberhard-Haule
1986 hat Jochen Sommer seine Kindheit in Heilbronn literarisch verarbeitet
und dafür den Oldenburger Jugendbuchpreis bekommen. Jetzt erzählt
er in seinem neuen Roman "Carmen im Kopfhörer" vom (nicht) ganz alltäglichen
Wahnsinn des Ehealltags.
"Mit dem Haarekämmen beendete Rainer seine morgendliche Wascherei
und ging in die Küche. In zwölf Minuten musste er das Haus verlassen,
in seinen Wagen steigen und zur Arbeit fahren. Dort erwartete ihn die tägliche
Routine, am Nachmittag Beate. Bis zum nächsten Morgen. Dann wieder
die Arbeit, jahrelang, bis zur Pensionierung. Dann nur noch Beate. "
Diese nüchterne Bilanz zieht Rainer nach 25 Ehejahren, und weitere
18 liegen noch vor ihm bis zur Pensionierung. Zum ersten Mal in seinem
Leben beginnt er darüber zu grübeln, wie er diesem Schicksal
entkommen könnte. "Mord, zum Beispiel, würde auffallen. Eine
Scheidung war noch schwieriger, weil Beate da mitzureden hatte." Denn ihm
ist klar: "Er hatte sich nie gegen sie behaupten können."
Am Abend zuhause nervt ihn Beate wie üblich mit ihrem Getratsche
über die Nachbarn, da hilft nur eines: "Das Fernsehprogramm erlöste
ihn schließlich. Sport. Eine Sendung über Judo." Dabei verkündet
der Sprecher eine folgenschwere Botschaft: "Im Judo verwendet der Schwächere
die Kräfte des Gegners gegen diesen selbst." Plötzlich hört
Rainer sehr genau hin, und in seinem Gehirn beginnt sich ein Plan zu formen,
der immer mehr Gestalt annimmt und ihm am Ende geradezu genial erscheint.
Wie Rainer diesen Plan umzusetzen versucht und immer wieder kläglich
scheitert, das erzählt der Autor mit ironischer Distanz zu seinem
" Helden" und herrlich trockenem Humor. Seine Charakterisierungen sind
nicht immer frei von Klischees, so trägt Beate beispielsweise eine
Kittelschürze. Doch das man verzeiht ihm gern angesichts der kribbelnden
und humorvollen Geschichte.
Richtig spannend wird es, als Beate sich auf den Weg in den Urlaub
macht und die Geschichte dadurch eine völlig andere Dynamik erhält.
Und wie es sich gehört, endet der Roman mit einem Knaller, doch um
den richtig genießen zu können, muss man vorher aufmerksam gelesen
haben. Also Vorsicht: "Carmen" im Kopfhörer während der Lektüre
könnte einem den originellen Schluss vermasseln.
05.01.2004
Leseprobe
... Die wippenden Brüste vor dem
hellen Fenster irritierten Rainer seit Wochen; so lange schon, wie Fräulein
Marion, die neue Kollegin, in seinem Büro arbeitete. Unter der gelben
Bluse konnte Rainer deutlich die prallen Halbkugeln
erkennen, das Gewebe des Büstenhalters,
der sie formte und stützte. Knapp unterhalb des offenen Blusenknopfs
drang die Fülle nach oben,
und Rainer achtete stets darauf, dass Fräulein Marion zwischen seinem
Schreibtisch
und dem Fenster stand, vor dessen
lichtem Hintergrund solche Betrachtungen möglich waren.
„Kommen Sie doch mal um den
Schreibtisch herum“, pflegte er zu sagen, wenn Fräulein Marion ihn
aus der Tiefe des Raumes ansprach, und täuschte umständliches
Halsverrenken vor.
Mit weitausgreifenden Schritten
lief sie dann vor der Fensterfront auf und ab, schilderte gestenreich irgendein
Problem; Rainer schaute ihr gebannt
zu, was Fräulein Marion veranlasste, mit dem teilnahmsvollen Kollegen
häufiger zu sprechen.
Doch es war nicht nur die
gelbe Bluse, die Rainer faszinierte.
Es war auch die selbstbewusste,
lebhafte Art der Kollegin und ihre verblüffende Offenheit. „Ich mag
Sie, Rainer“,
hatte sie schon zweimal in dieser
Woche geäußert, und Rainer empfand das als Kompliment, besonders,
da Marion seinen Vornamen benutzte.
Bei anderen Kollegen war sie
da pingeliger: Herrn Müller, den Vorgesetzten, hätte sie niemals
mit ‚Heinz‘
angesprochen. Außer ihm, Rainer,
nannte sie nur den stellvertretenden Archivleiter beim Vornamen. Warum
ausgerechnet diesen Ludwig, konnte
sich Rainer allerdings nicht erklären. In seinen Augen war der ein
Waschlappen. Vermutlich sprach Fräulein
Marion den aus purem Mitleid so persönlich an. Ludwig wurde dann sogar
noch rot.
Ihm, Rainer, konnte das nicht
passieren. Er wurde nur etwas unsicher. Schließlich konnte er sich
diese
namentliche Auszeichnung auch nicht
erklären, bei soviel Konkurrenz im Kollegenkreis. Die Dezernenten,
die
Amtsleiter, die Stellvertreter der
Amtsleiter, die jungen Anwärter auf irgendwas – sie alle machten Fräulein
Marion unverhohlen den Hof. Ein Kompliment hier, eine Aufmerksamkeit dort,
Fräulein Marion stand stets im Mittelpunkt.
Sie genoss das, übersah
alle Annäherungsversuche und förderte sie durch Distanz. Oft
ging sie in der
Mittagspause nach einem hastigen
Kantinenessen zurück in das leere Büro, legte ihre schlanken
Beine auf die
herausgezogene Schublade des Schreibtischs
und stülpte sich Kopfhörer über. Die neckischen Bemerkungen
der
rein zufällig vorbeikommenden
Verehrer quittierte sie mit einem abwesenden Lächeln.
Ihr Hauptinteresse galt eindeutig
der Musik; der klassischen, selbstverständlich. Vier CDs mit Bizets
‚Carmen‘
lagen auf ihrem Schreibtisch, und
Rainer konnte am harten Hämmern von Fräulein Marions Kugelschreiber
erkennen, wie intensiv sich die
Kollegin der Musik hingab. Nach einem heftigen Stakkato hob sie oft die
Arme, um
sie dann ergriffen sinken zu lassen.
Rainers Interesse an Opern, speziell an französischen, deutschen und
italienischen, war eher gering.
Nur bei ‚Carmen‘ machte er
seither eine Ausnahme. In dieser Oper vermutete er den Zugang zu Fräulein
Marions Herzen und kaufte sich das noch von Karajan dirigierte Werk samt
Textheft.
Beate, seine Frau, bat ihn
anfangs höflich, die ‚Schnulze‘ leiser zu stellen. Doch Rainer bestand
auf die Lautstärke und erklärte Beate kurzerhand zur Banausin.
Schließlich wusste er Bizet und Karajan hinter sich. So saß
er abends vor den Lautsprechern, das Textheft auf den Knien, und dachte
sich hinein in die Welt der spanischen Zigeuner,
Schmuggler und Soldaten und suchte
den Zugang.
Die Handlung der Oper war
simpel: Diese Carmen war verhaftet worden und hatte einem jungen Soldaten
ihre
Liebe versprochen, damit der sie
laufen ließ. Dafür kam der Soldat erst selbst ins Gefängnis
und rannte der Carmen anschließend ständig nach, was der gehörig
auf die Nerven ging. Sie wollte nämlich ihre Freiheit. Und weil sie
die mehr liebte als den Soldaten, brachte der sie um.
Es gab da eine Szene, in der
ein kompletter Chor ständig ‚Liberté‘ sang. Das war bestimmt
die Stelle, zu der
Fräulein Marion immer besonders
hektisch hämmerte und mit ihren knallroten Lippen ein Wort formte.
Dieses: Liberté. Da
war sich Rainer jetzt hundertprozentig sicher und es machte ihm Fräulein
Marion noch
sympathischer, denn nach Liberté,
nach Freiheit, strebte er seit Jahren. Nur Beate war ihm dabei im Weg.
Wofür
allerdings Fräulein Marion
Freiheit brauchte, war Rainer unklar. Verheiratet war sie nicht, doch man
munkelte, sie hätte mal einen festen Freund gehabt. Das konnte einiges
erklären.
Die Stelle mit der Liberté
pflegte Rainer mehrfach aufzulegen, bis ihm Beate eines Abends entschlossen
den Ton
abdrehte und sich diese Wiederholungen
verbat. Rainer fand es sehr bezeichnend, dass ausgerechnet dieses Wort
Beates Widerstand herausforderte.
Fräulein Marion war da
anders; wochenlang hämmerte sie zu dieser Musik. An einem Mittwoch
sprach Rainer sie
darauf an: „Wir haben die gleichen
Leidenschaften, glaube ich. Carmen und die Freiheit, die Freiheit als Idee.“
„Zu mehr reicht es in diesem
Laden ja auch nicht“, antwortete Fräulein Marion trocken. „Ich habe
mir längst
angewöhnt, mein Privatleben
von dem hier strikt zu trennen. Lieber schizophren werden, als in Langeweile
zu
ersticken. Und Sie – wo spielt sich
Ihre Freiheit ab?“
„Das ist eine komplizierte
Geschichte“, wich Rainer aus, denn es fiel ihm absolut nichts ein, wo sich
seine Freiheit hätte abspielen können. „Vielleicht erzähle
ich Ihnen das mal bei Gelegenheit.“ ...