Wer unterscheidet den Tänzer vom Tanz?

 

Pete Smith 

Wer unterscheidet den Tänzer vom Tanz?

125 Seiten 
7,40 Euro
© Klaus Bielefeld Verlag, Friedland 1998 
ISBN 3-932325-36-2 
Illustration: Tom Smith

Klappentext
Er hatte viel Zeit. Der Zug würde fünfzehn Stunden unterwegs sein - wenn alles glatt lief. In fünfzehn Stunden konnte man sich an ein ganzes Leben erinnern. Zusammengerechnet dauerte ein Leben kaum länger als fünfzehn Stunden. Manchmal wohl auch nur fünfzehn Minuten oder fünfzehn Sekunden oder die Zeit, die man braucht, um einen Zug zu besteigen und für immer die Tür hinter sich zu schließen.

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Leseprobe
Wer unterscheidet den Tänzer vom Tanz? (Auszug)

... Er hätte sterben können, wenn er sich gewehrt hätte, das hatten ihm auch Freunde später bestätigt. Er sah sich noch auf diesem dreckigen Boden kauern, hatte wieder den Geruch von Staub und Gummi in seiner Nase, die drei Gestalten über sich, die auf ihn einhieben, als wollten sie ihn töten. An ihre Gesichter konnte er sich nicht erinnern, nur an haßerfüllte Augen und verzerrte Münder. Was haßten sie so an ihm, daß sie von ihm nicht abließen, auch dann nicht, als er sich gar nicht mehr regte?
 Dabei hatten sie es zunächst wohl nur auf sein Geld abgesehen. Moira hatte ihn oft gewarnt, aber er war überzeugt gewesen, daß ihm dies nie passieren könnte. Als die drei dann vor ihm standen, ihn in ihre Mitte nahmen, festhielten und abtasteten, dachte er »Also doch« oder »Jetzt auch ich«, so etwas Ähnliches. Er empfand dabei nichts, keine Wut, keine Angst, daran erinnerte er sich auch heute noch, warum war er so ruhig geblieben? Gleichgültig war er gewesen, in sein Schicksal gefügt, vielleicht hatte gerade das sie gereizt. Nur um die Uhr, die sie ihm vom Armgelenk rupften, tat es ihm leid, ein Geschenk seines Vaters, eine Erinnerung. Doch im Augenblick des Überfalls dachte er sogar noch daran, daß er sie vielleicht wiederbekommen würde von der Polizei.
 Aber dann wurden die drei plötzlich lauter. Sie begannen ihn zu schubsen und zu beschimpfen, und er verstand »Dreckiger Ausländer« und »Deutschen-Sau«. Dann spürte er den ersten Schlag ins Gesicht und bekam Panik, als er sah, daß er ganz allein war im Abteil. Er duckte sich und versuchte, sein Gesicht zu schützen, doch in dem Moment boxte ihm einer der drei ins Magenkreuz, daß er zusammenklappte und es ihm schwindelig wurde. Noch im Fallen traf ihn ein Fuß im Gesicht, ein Tritt, der ihn herumriß, so daß er auf den Rücken fiel. Irgend etwas krachte, er spürte stechende Schmerzen an mehreren Stellen gleichzeitig und schrie um sein Leben. Doch niemand kam ihm zu Hilfe. Vielleicht hatte er auch gar keinen Ton herausgekriegt, wie sollte er denn, während ihm einer mit dem Stiefel das Gesicht auf den Boden preßte, damit die anderen nur um so besser zutreten konnten. Er merkte, wie es feucht wurde an seinem Bein, und wußte nicht, ob es Blut war oder ob er sich in die Hose gepißt hatte. Niemand kam ihm zu Hilfe, und während er Ewigkeiten da im Dreck lag und die drei auf ihn eintraten, als ginge es um ihr und nicht um sein Leben, fand er sich langsam mit dem Tod ab.
 Irgendwann verlor er das Bewußtsein - und er dachte noch: »So also ist das.« Erst als er im Krankenhaus aufwachte, dämmerte ihm, daß er sich nicht so einfach davonstehlen und von der Welt verabschieden konnte. Schmerzen mußte er aushalten, die auszuhalten er sich niemals stark genug gefühlt hätte. Moira referierte die ärztlich Diagnose wie den Wetterbericht im Fernsehen: zwei gebrochene, mehrere geprellte Rippen, Bruch des Daumens, Hodenquetschung, Rißwunde am Kinn und am Ohr (genäht), Rißwunde am Hinterkopf (Pflaster und Verband), Platzwunden und blaue Flecken am ganzen Körper.
 Aber schlimmer als alle Schmerzen war das Gefühl der Ohnmacht, auch nachher oder vielleicht erst gerade dann, die Angst, die ihn gelähmt und daran gehindert hatte, zurückzuschlagen, sich zu wehren, sich nicht in den Dreck zu werfen wie ein Tier in Demutshaltung. Die Ausweglosigkeit und der plötzlich Fatalismus: Wie oft hatte er in der Theorie dagegen opponiert? Noch im Krankenbett malte er sich aus, wie er einen Angreifer mit dem Ellbogen ins Gesicht schlug und den anderen umwarf, indem er dessen dreckigen Stiefel nahm, nach hinten bog und sich mit voller Kraft dagegen stemmte. Im Traum schlug er die drei in die Flucht und wartete schwerverletzt auf Hilfe.
 Ähnlich war auch die Geschichte, die er Moira und den anderen erzählte. Jedenfalls hielt er nicht still. In seinen Schilderungen wehrte er sich wie Philip Marlowe, auch wenn er wie dieser unterlag. Und je häufiger er die Geschichte erzählte, desto wahrer wurde sie, bis er selbst daran glaubte.
 

Pressestimmen

Heimische Autoren legen Romane und Lyrikbände vor

Bücherherbst in der Börde

Der Roman berichtet von einer Zugfahrt und erzählt dabei von der Suche nach Halt, Ziel, Heimat. Der Tänzer kehrt nach Deutschland zurück, dem er vor drei Jahren den Rücken gekehrt hat, um in Italien sein Glück zu finden. Während der Fahrt erinnert er sich an all diejenigen, die ihm auf dieser Suche begegnet sind. Letztlich bleibt die Erkenntnis, daß nur der jeweilige Moment, der Augenblick zählt ...
Soester Anzeiger v. 10.10.98

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Pete Smith legt zwei Bücher vor

Von der Rastlosigkeit und dem Wunsch, anzukommen

Die Suche nach dem Sinn des Lebens, die häufig in dem Wunsch nach Heimat mündet, ist so alt wie die Menschheit selbst. In heutigen Zeiten der Globalisierung, in der Entfernungen von Tausenden Kilometern in Sekunden zusammenschrumpfen, scheint diese Suche für viele existenzieller denn je. Auch der namenlose Tänzer ... ist auf der Suche nach Heimat ... Rund 15 Stunden wird die Zugfahrt dauern, und während draußen die Landschaft vorbeifliegt, zieht in Gedanken sein Leben vorüber - und auch all die Frauen, bei denen er vorgab, Liebe zu suchen, in Wirklichkeit aber nur sich selbst auf der Spur war. Sein Freund Roland fällt ihm ein, der ins Kloster ging, um anzukommen ...
Ärztezeitung v. 9.12.98

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Die aktuelle Buchbesprechung

"Wer unterscheidet den Tänzer vom Tanz?"

... Der Erzählstil ist brillant, wort- und ideenreich. Und, obwohl nicht wirklich etwas Weltbewegendes geschieht oder gar so etwas wie kriminalistische Spannung entsteht, ist das Buch auf eine ganz besondere Weise anregend und schenkt uns ein Stück Freiheit und geistige Beweglichkeit.
Regionalanzeiger Nr. 22

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