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Pete SmithWer unterscheidet den Tänzer vom Tanz?
125 Seiten
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... Er hätte
sterben können, wenn er sich gewehrt hätte, das hatten ihm auch
Freunde später bestätigt. Er sah sich noch auf diesem dreckigen
Boden kauern, hatte wieder den Geruch von Staub und Gummi in seiner Nase,
die drei Gestalten über sich, die auf ihn einhieben, als wollten sie
ihn töten. An ihre Gesichter konnte er sich nicht erinnern, nur an
haßerfüllte Augen und verzerrte Münder. Was haßten
sie so an ihm, daß sie von ihm nicht abließen, auch dann nicht,
als er sich gar nicht mehr regte?
Dabei
hatten sie es zunächst wohl nur auf sein Geld abgesehen. Moira hatte
ihn oft gewarnt, aber er war überzeugt gewesen, daß ihm dies
nie passieren könnte. Als die drei dann vor ihm standen, ihn in ihre
Mitte nahmen, festhielten und abtasteten, dachte er »Also doch«
oder »Jetzt auch ich«, so etwas Ähnliches. Er empfand
dabei nichts, keine Wut, keine Angst, daran erinnerte er sich auch heute
noch, warum war er so ruhig geblieben? Gleichgültig war er gewesen,
in sein Schicksal gefügt, vielleicht hatte gerade das sie gereizt.
Nur um die Uhr, die sie ihm vom Armgelenk rupften, tat es ihm leid, ein
Geschenk seines Vaters, eine Erinnerung. Doch im Augenblick des Überfalls
dachte er sogar noch daran, daß er sie vielleicht wiederbekommen
würde von der Polizei.
Aber
dann wurden die drei plötzlich lauter. Sie begannen ihn zu schubsen
und zu beschimpfen, und er verstand »Dreckiger Ausländer«
und »Deutschen-Sau«. Dann spürte er den ersten Schlag
ins Gesicht und bekam Panik, als er sah, daß er ganz allein war im
Abteil. Er duckte sich und versuchte, sein Gesicht zu schützen, doch
in dem Moment boxte ihm einer der drei ins Magenkreuz, daß er zusammenklappte
und es ihm schwindelig wurde. Noch im Fallen traf ihn ein Fuß im
Gesicht, ein Tritt, der ihn herumriß, so daß er auf den Rücken
fiel. Irgend etwas krachte, er spürte stechende Schmerzen an mehreren
Stellen gleichzeitig und schrie um sein Leben. Doch niemand kam ihm zu
Hilfe. Vielleicht hatte er auch gar keinen Ton herausgekriegt, wie sollte
er denn, während ihm einer mit dem Stiefel das Gesicht auf den Boden
preßte, damit die anderen nur um so besser zutreten konnten. Er merkte,
wie es feucht wurde an seinem Bein, und wußte nicht, ob es Blut war
oder ob er sich in die Hose gepißt hatte. Niemand kam ihm zu Hilfe,
und während er Ewigkeiten da im Dreck lag und die drei auf ihn eintraten,
als ginge es um ihr und nicht um sein Leben, fand er sich langsam mit dem
Tod ab.
Irgendwann
verlor er das Bewußtsein - und er dachte noch: »So also ist
das.« Erst als er im Krankenhaus aufwachte, dämmerte ihm, daß
er sich nicht so einfach davonstehlen und von der Welt verabschieden konnte.
Schmerzen mußte er aushalten, die auszuhalten er sich niemals stark
genug gefühlt hätte. Moira referierte die ärztlich Diagnose
wie den Wetterbericht im Fernsehen: zwei gebrochene, mehrere geprellte
Rippen, Bruch des Daumens, Hodenquetschung, Rißwunde am Kinn und
am Ohr (genäht), Rißwunde am Hinterkopf (Pflaster und Verband),
Platzwunden und blaue Flecken am ganzen Körper.
Aber
schlimmer als alle Schmerzen war das Gefühl der Ohnmacht, auch nachher
oder vielleicht erst gerade dann, die Angst, die ihn gelähmt und daran
gehindert hatte, zurückzuschlagen, sich zu wehren, sich nicht in den
Dreck zu werfen wie ein Tier in Demutshaltung. Die Ausweglosigkeit und
der plötzlich Fatalismus: Wie oft hatte er in der Theorie dagegen
opponiert? Noch im Krankenbett malte er sich aus, wie er einen Angreifer
mit dem Ellbogen ins Gesicht schlug und den anderen umwarf, indem er dessen
dreckigen Stiefel nahm, nach hinten bog und sich mit voller Kraft dagegen
stemmte. Im Traum schlug er die drei in die Flucht und wartete schwerverletzt
auf Hilfe.
Ähnlich
war auch die Geschichte, die er Moira und den anderen erzählte. Jedenfalls
hielt er nicht still. In seinen Schilderungen wehrte er sich wie Philip
Marlowe, auch wenn er wie dieser unterlag. Und je häufiger er die
Geschichte erzählte, desto wahrer wurde sie, bis er selbst daran glaubte.
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