Der Körperbeherrscher

 
Mike Bartel

Der Körperbeherrscher

110 Seiten
9,90 Euro

© Klaus Bielefeld Verlag, Friedland 2000
ISBN 3-89833-025-7 
Umschlaggestaltung: Rainer Schorm
nach einer Zeichnung von Gerald Manz
 
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Klappentext
»Wenn Gewalt über eine spitze Feder und Tabubruch strafbar wären, würde Mike Bartel als Wiederholungstäter längst zu meinen Stammkunden gehören.« Wolfgang K. aus P., Gefängnisdirektor

»Das sind Sachen zum Lachen, ideal für den Stressabbau. Da werden sogar trübe Tage heiter« Nadine D aus K., Miss Schwarzwald 1999

»Eine Pflichtlektüre für jeden Deutschen, für den Ironie kein Fremdwort ist.« Dr. Hubert B. aus R. Allgemeinmediziner

Die Seitenlage
Streckenverlauf der Literradtour-Etappen

Literradtour – was ist das?
Das Vorwort von Michael Gaedt von der Kleinen Tierschau

1. »Das Johannisbeerlikör-Malheur«
Die Etappe mit den Verpflegungsstationen

Magische Kräfte
Herr Schimmelpfennig bestellt eine Pizza
Erlebnisgastronomie
Das Johannisbeerlikör-Malheur
Bratwurst zu verschenken
Kleine Getränke erhalten die Freundschaft

2. »Liebe geht durch die Socken«
Die zwischenmenschliche Etappe

Liebeserklärung an Lieselotte
Die Ziervogelzüchterin
Liebe geht durch die Socken
Vor roten Ampeln
Frisch gebackene Klarsichthüllen
Angst essen Fleischwurst auf

3. »Der Körperbeherrscher«
Die Etappe durch die Albernheiten des Alltags

Bohrfrau und Saugerin
Husten in Texas und anderswo
Der Körperbeherrscher
Strafzeit
Papa geht ins Internet
Die Regenregel
Urlaubsende
Die Festgäste-Versteigerung
Nikolausige Zeiten
So klein!
Hannibals Hass auf Heimwerker
Handywahn

4. »G. hat uns lieb«
Die politisch angehauchte Etappe

Generäle kochen nicht mit Mineralwasser
G. hat uns lieb

5. »Kalinichta, Frau Bäuerle«
Die Baden-Württemberg-Etappe

Vau-eff-bääh
Mädchen in der Grube
»Ländle Live«
Kalinichta, Frau Bäuerle

Querfeldeintour der Erstveröffentlichungen
Der Dankwart grüßt...
Das ist ja wohl das Hinterletzte ...

Leseprobe
Magische Kräfte

Vielleicht hätte ich gestern Abend den Fernet lieber nicht trinken sollen. Man sagt, er habe magische Kräfte. Aber ich erlag der Versuchung. Vermutlich erblich bedingt. Unvernünftig und gierig wie einst mein Vorfahre nach dem Apfel griff ich zum schlanken Glas mit dem bittersüßen braunen Gesöff, das mir laut Kellner »vill gutt inne de Bauch« tun würde. Heute Mittag schien der kleine Braune sich bereits verflüchtigt zu haben. Bis ich ein wenig Brot zum Salat bestellte. Da rutschte der eigentlich keineswegs ungeschickten Bedienung plötzlich das Serviertablett aus den Händen. Zum Glück war es leer. Doch mich beschlich ein seltsames Gefühl. Zumal am Nachbartisch kurz darauf der Salzstreuerdeckel ins Fischfilet fiel – nebst einer gehörigen Prise Salz dazu. Vom Teufel oder sonst einer finsteren Macht geritten stellte ich mir bildlich vor, wie das gesamte Lokal in sich zusammenbricht. In aller Eile beendete ich mein Mahl, zahlte und ging.

Als ich am Abend wiederkam, war es weg.

Dieses seltsame Gefühl, magische Kräfte zu haben.

Die Bedienung hielt ihr Tablett fest in der Hand, brachte unaufgefordert Brot und errötete nicht mal, als sie mir zum zweiten Mal an diesem Tag die Speisekarte reichte.

Meine Blicke schweiften von den Vorspeisen ab und gingen hinaus auf die Uferstraße, wo eine ältere Autofahrerin gerade den untauglichen Versuch unternahm, in eine für betagte Mittelklasselimousinenpilotinnen eindeutig zu kleine Lücke rückwärts einzuparken. An den gelegentlich ins Wackeln geratenden Nachbarautos nahm sie ebenso wenig Anstoß wie an den mittlerweile in beträchtlicher Zahl stehen gebliebenen Passanten, von denen einige heftig gestikulierend Beistand zu leisten versuchten. Eine dieser Handbewegungen muss sie wohl falsch verstanden haben, denn plötzlich riss sie das Lenkrad herum, gab Gas und steuerte direkt auf einen gegenüberliegenden Obststand zu. Erdbeeren, Bananen, Melonen und Orangen dämpften zwar den Aufprall und verliehen der Szenerie durch die vielen bunten Farbkleckse eine heitere Note. Doch das tröstete den zornbebenden Obststandbesitzer überhaupt nicht.

»Hauptsache, mein Auto ist von der Straße weg«, seufzte die des Einparkens offenbar überdrüssige Autofahrerin erleichtert, während sie einen Scheck in unbekannter Höhe ausschrieb, den sie dem wutschnaubenden Obststandbesitzer reichte. Mich beachtete sie nicht. Ich hatte mit der ganzen Angelegenheit ja auch gar nichts zu tun. Mein letzter Fernet lag fast 20 Stunden zurück.

Verhängnisvolle Entwicklungen gingen dagegen vom bizarren Bild der eng aneinander geschmiegten Objekte Obststand und Auto aus. Die Szenerie wirkte geradezu als Blickfang, in dem sich prompt ein motorisierter Gaffer verfing. Gefesselt von der Macht der realen Installation kam er vom rechten Weg der Uferstraße ab und versetzte unversehens sein Auto in einen bootsähnlichen Zustand. Später bargen Taucher ihn und sein Gefährt. Er war, so hieß es, Nichtschwimmer und wird es wohl auch bleiben, denn Friedhöfe zählen naturgemäß nicht zu den Orten, an denen Schwimmkurse abgehalten werden.

»Nein, kein Wasser«, antwortete ich der ein wenig bleich um die Nase gewordenen Bedienung, »bringen Sie mir lieber gleich ein Bier und einen Fernet.«

Ebenso wie die feuchte Aussprache der Bedienung passte der herbe Beigeschmack des kleinen Braunen ganz gut zum traurigen Ende einer im Meer versunkenen Kraftfahrerkarriere. Jeanette tat sich mit ihrer Bestellung schwerer. Sie brauchte noch einen Moment. Natürlich war sie wieder zu spät gekommen. »Ein Stau. Ganz ungewöhnlich um diese Zeit hier«, jammerte sie entschuldigend. Natürlich ließ ich mir nicht anmerken, dass ich mich auch ohne sie ganz nett unterhalten hatte.

»Ich hätte gern ein Cordon bleu mit Bandnudeln und einen kleinen grünen Salat. Als Vorspeise ein halbes Dutzend Schnecken bitte«, verkündete sie endlich der Bedienung. Diese hatte in der Zwischenzeit heimlich zwei heil gebliebene Orangen, die den Gehweg entlanggekullert waren, in ihre Schürze gesteckt.

»Oder kann ich statt Bandnudeln auch Pommes haben?«, rief ihr Jeanette noch hinterher.

»Ja, natürlich.«

»Und statt des grünen einen kleinen gemischten Salat?«

»Kleiner gemischter Salat. Geht in Ordnung.«

»Haben Sie die Tomatencremesuppe als Vorspeise notiert?«

»Nein. Schneckchen.«

»Was fällt Ihnen ein, mich Schneckchen zu nennen, nur weil ich mich ein bisschen spät für eine Suppe entschieden habe?«, giftete die immer konfuser werdende Jeanette zurück, während ich tief in meinen Stuhl hineinrutschte und verzweifelt versuchte, einen unbeteiligten Eindruck zu machen.

»Und was ist mit dem Cordon bleu? Wollen Sie wirklich Cordon bleu oder nicht doch lieber Geschnetzeltes oder Rumpsteak oder Fisch oder Garnelen?«, begehrte nun die Bedienung auf, die so schnell wie die Farbe in ihr Gesicht an unseren Tisch zurückgekehrt war.

»Natürlich möchte ich Cordon bleu. Das habe ich doch schon gesagt«, flötete Jeanette in überfreundlichem Ton. Ihre Eltern stammen aus Pforzheim. Das hätte mich längst misstrauisch machen müssen. Aber ich dachte mir anfangs nichts dabei. Und sie muss in den letzten Tagen Unmengen von magischen Getränken in sich hineingeschüttet haben, dachte ich, anders ist ihr Verhalten nicht zu erklären. Ich wagte aber nicht, sie darauf anzusprechen. Stattdessen beobachtete ich, wie der Obststandbesitzer seine zermatschten Früchte zusammenfegte und missmutig ins Meer schleuderte.

»Ein komischer Kauz, dieser Obsthändler«, meinte Jeanette, nachdem sie alles aufgegessen und nur das Cordon bleu hatte zurückgehen lassen. »Erst platziert er sich so ungeschickt am Straßenrand, dass man nicht richtig einparken kann, und dann füttert er die Fische auch noch mit Obst, anstatt es den dummen Touristen zu verkaufen.«

Auch ich wunderte mich, als wir zum Abschluss unseres Menüs den Dessert gewordenen Gesichtsausdruck unserer säuerlichen Bedienung serviert bekamen. Nach wenigen Löffeln überließen wir die cremegefüllten Schälchen sich selbst, legten das Geld abgezählt auf den Tisch und verließen das Lokal.

»Guck mal, da hat jemand seine Mütze verloren«, rief Jeanette nach wenigen Metern. Den Bettler, der hinter der Kopfbedeckung auf dem Boden kauerte, bemerkte sie nicht. »Das könnte sogar deine Größe sein«, überlegte sie laut. Als sie sich gerade danach bücken wollte, zerrte ich sie weg. »Dann nehme ich wenigstens die Münzen mit«, rief sie noch, doch ich war stärker. Fest entschlossen, unsere bisher schon recht lose Beziehung noch weiter zu lockern und eine Zeit lang den geliebten kleinen braunen Getränken zu entsagen, bugsierte ich sie über die stark befahrene Uferstraße. Die Sonne ging an diesem Abend genau an jener Stelle im Meer unter, an der der Auto fahrende Nichtschwimmer abgetaucht war. Wahrscheinlich tat sie das jeden Abend und ich hatte es nur noch nicht bemerkt. Jeanette missfiel meine, wie sie sagte, »Untergangsstimmung« und verabschiedete sich in eine Disko. Wahrscheinlich tat sie das jeden Abend und ich hatte es nur noch nicht bemerkt. Der Himmel verdunkelte sich zusehends und das Meer eiferte ihm nach. Der Strand nahm eine kackebraune Farbe an. War es die untergehende Sonne oder hatten dort tatsächlich unzählige herumstreunende Hunde hingeschissen? Ich ging zurück ins Restaurant. Um besser nachdenken zu können bestellte ich einen Fernet.

Man sagt, er habe magische Kräfte.